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Rasante Ausbreitung wird zum Problem für Natur und Anwohner

Wildschweine meistern das Schwimmen und besiedeln Inseln in Hyogo

Sechstausend Menschen bewohnen die japanischen Ieshima-Inseln in der Seto-Inlandsee. Sie preisen ihre Heimat als Naturwunder und Oase der Ruhe für Reisende an. Doch sie haben unerwünschten Besuch – von schwimmenden Wildschweinen.

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Als der 74-jährige Hironobu Sakamoto im Winter 2020 ein schwarzes Objekt im Meer treiben sah, staunte er nicht schlecht. Eine Boje an dieser Stelle war dem Mann, der seit über fünfzig Jahren als Fischer tätig ist, nicht bekannt. Also näherte er sich mit seinem Boot dem Objekt – und stellte fest, dass es sich um ein Wildschwein handelte. „Es paddelte mit seinen Beinen wie ein Hund. Es bewegte sich so langsam, ich dachte, es würde ertrinken”, erinnert sich Sakamoto.

Wildschweine werden zunehmend zum Problem für die Ieshima-Inseln

Doch das Schwein ertrank nicht. Es paddelte weiter, bis zum Ufer der nächsten Insel. Dort schloss es sich einer immer weiter wachsenden Population an. Die Wildschweine sorgen mittlerweile für einigen Ärger auf den idyllischen Ieshima-Inseln. Sie sind nicht die einzigen Inseln in Japan, die mit wilden Tieren Probleme haben – erst kürzlich sorgten wilde Ziegen im Süden Japans ebenfalls für Schlagzeilen.

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Die Ieshima-Inseln, deren Name übersetzt soviel bedeutet wie “Heimat-Inseln”, ist eine Gruppe von 44 Inseln in der Seto-Inlandsee. Diese liegt zwischen den beiden japanischen Hauptinseln Honshu und Shikoku. Von den Inseln, die zur Präfektur Hyogo gehören, sind gerade mal die vier größten bewohnt. Die bergigen und bewaldeten Inseln präsentieren sich Besuchenden als Oasen der Ruhe, an denen die Gäste Erholung vom Trubel der japanischen Großstädte finden.

Die nun vermehrt auftauchenden Wildschweine stören jedoch den Frieden der Inseln. Sie lassen sich nicht nur auf unbewohnten Inseln nieder, sondern tauchen auch nahe bewohnter Gebiete auf. Da sie ursprünglich nicht auf den Inseln heimisch waren, vermuten Beobachter, dass sie schwimmend das Meer überquert haben, um Ieshima zu erreichen.

Seit zwölf Jahren verbreiten sich die Wildschweine auf den Ieshima-Inseln

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Die ersten Wildschweine wurden 2010 auf den Inseln gesichtet. Seitdem hat sich die Population stetig vergrößert. Eine Studie der Universität von Hyogo und dem Hyogo Prefecture’s Wildlife Management Research Center unter Nutzung von 60 automatischen Kameras kam zu dem Schluss, dass aktuell etwa 640 Tiere auf der Inselgruppe leben.

Dass die Tiere sich schwimmend zwischen den Inseln fortbewegen, ist unbestritten. Immer wieder beobachten Einheimische, wie auch Wildschweine mit Jungtieren durch das Meer paddeln. Wo genau die Schweine aber ursprünglich herkommen, konnte bisher nicht geklärt werden. Vom Festland Honshus bis zu den Inseln sind es immerhin mindestens 10 Kilometer, von Shikoku aus etwa 15 Kilometer. Eine weite Strecke, die die Tiere durchaus in Lebensgefahr bringt.

Einer, der die Probleme genau kennt, die mit den Wildschweinen einhergehen, ist Junjiro Ueda. Er lebt auf der Insel Boze, einer der Ieshima-Inseln, und ist Mitglied der Vereinigung der Inselbewohner. Der 64-Jährige erzählt, dass die Wildschweine Äcker von Landwirten umgraben und dadurch Schäden verursachen, da sie die Ernte vernichten. Auch geraten sie in Wildunfälle mit Motorrädern und es gab sogar Berichte von Verletzten durch Wildschweinbisse.

Doch neben der direkten Gefahr durch die Konfrontation mit den Menschen wirkt sich die Anwesenheit der Schweine auch auf das Ökosystem der Inseln aus. Deren Krabben- und Schlangenpopulationen gehen nach Wahrnehmung der Insel-Gemeinschaften zurück, vermutlich weil die Tiere von den Wildschweinen gefressen werden. Da bestimmte Krabbenarten zu den wichtigsten Einnahmequellen der örtlichen Fischerei gehören, stellt das auch wirtschaftlich ein Problem dar.

Mit Jagdscheinen und Fallen gegen die Wildschwein-Plage

Um die Situation unter Kontrolle zu bekommen, haben sich einige der Anwohner mittlerweile um Jagdscheine bemüht. Bis 2018 gab es keine Besitzer von Jagdscheinen auf den Ieshima-Inseln, seit 2019 sind dreizehn Jagende damit beschäftigt, die Tiere einzufangen, wo immer sie können. Im Jahr 2020 und 2021 konnten sie immerhin 171 Wildschweine in Fallen locken.

Ein Inselbewohner mit einer Wildschwein-Falle
Junjiro Ueda zeigt eine der Fallen, mit denen die Bewohner von Boze gegen die Wildschweine vorgehen. Bild: MS

Die Ieshima-Inseln sind nicht die einzige Inselgruppe, die sich mit dem Wildschein-Problem auseinandersetzen muss. Während in den 70er-Jahren gerade mal dreißig abgelegene Inseln in Japan bekannt waren, auf denen Wildschweine lebten, sind es mittlerweile über 220. In vielen Bereichen der Seto-Inlandsee wurden schwimmende Wildschweine schon beobachtet.

Einer der bekanntesten Fälle ereignete sich 2018, als ein Patrouillen-Boot der Imabari Küstenwache ein Video eines schwimmenden Wildschweins aufnahm und veröffentlichte. Nach Angaben von Shunjo Takahashi, einem emeritierten Professor der Nara Universität, sind Wildschweine in der Lage, bis zu zwanzig Kilometer schwimmend zurückzulegen. “Manche von ihnen ertrinken, während sie es versuchen. Sie riskieren ihr Leben, um das Meer zu überqueren”, erklärt er.

Schwimmende Schweine erfordern neue Maßnahmen auf Japans Inseln

Die ersten Sichtungen schwimmender Wildschweine gehen seiner Forschung nach bis in die 1980er Jahre zurück. In den Jahren davor hatten sich die Habitate der Wildschweine durch wärmere Winter und eine Zunahme an verlassenen landwirtschaftlichen Flächen stark ausgebreitet. Als die Menschen begannen, die Tiere in den Küstengebieten zu bejagen und damit Druck auf die Populationen auszuüben, wählten einige von ihnen den Weg übers Meer zu abgelegenen Inseln.

Als Allesfresser richten Wildschweine in Japan jedes Jahr landwirtschaftliche Schäden von etwa 35,5 Millionen Euro an. Während man auf dem Festland bereits mit verschiedenen Methoden vorgeht, um Ernten zu schützen, hat man sich auf Japans kleinen Inseln lange vom Meer geschützt geglaubt. Mit dem Wissen, dass die Wildschweine sich durch mehrere Kilometer Wasser aber nicht aufhalten lassen, müssen nun auch in den maritimen Regionen Japans breite Maßnahmen etabliert werden, um Ökosysteme und Landwirtschaft zu schützen.

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