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Selbstmord einer Forscherin wirft Schatten auf die geistige Elite Japans

Das Tagebuch der Forscherin Ryo Nishimura zeigte ihre Träume und Karriereziele, aber eine dramatische Wendung machte diese Vorstellungen für ihre Zukunft unmöglich.

Die einst vielversprechende Forscherin suchte nach einer universellen Lösung für ihre Probleme, um ins Leben zurückzukehren. Eine Lösung, die sie nie fand. Nur drei Monate, nachdem sich die Frau Gedanken über ihre Zukunft gemacht hatte, war die Wissenschaftlerin tot. Die 43-Jährige hatte einen Doktortitel in japanischer Geistesgeschichte.

Die Forscherin tötete sich selbst, nachdem sie Schwierigkeiten hatte, trotz ihrer guten Ausbildung eine Arbeit zu finden. Ihre finanzielle Situation wurde immer prekärer und auch ihre Ehe zerbrach. Ihr Tod illustriert eine Besorgnis erregende Entwicklung in Japan. Selbst mit einem Studium, vor allem der bildenden Künste, kann man dort kaum noch leben.

Eine preisgekrönte Forscherin und trotzdem nicht gut genug

Nishimura studierte an der Tohoku Universität. Sie promovierte 2004 mit ihrer Forschung über den Buddhismus mit Schwerpunkt auf Fujaku, einen wichtigen Denker und Mönch des 18. Jahrhunderts. Anschließend zog sie zurück ins Haus ihrer Eltern, um sich von dort aus ihrer Forschung zu widmen.

Im folgenden Jahr erhielt sie eine Auszeichnung der Japan Society for the Promotion of Science (JSPS) für ihre Arbeit. Durch das Stipendium erhielt sie für drei Jahre jeden Monat eine Unterstützung in Höhe von 450.000 Yen (3.600 Euro). Der Preis motivierte die Forscherin, noch härter zu arbeiten.

Sie brachte viele buddhistische Schriften in ihr Zimmer und verließ es nur, um mit ihren Eltern zusammen zu essen. Selbst während der Mahlzeiten sprach sie nur über ihre Arbeit.

Ihr erstes eigenes Buch wurde 2008 veröffentlicht und von den Kritikern hochgelobt. Sie erhielt dafür 2009 einen weiteren Preis der JSPS und eine weitere Auszeichnung der Japan Academy. Nishimura war zum damaligen Zeitpunkt die erste Forscherin, die diese Ehrung für Religionsforschung erhielt. Sie zeigte damit jungen Forschern, wie man neue akademische Wege beschreitet.

Nach dem Ende des Stipendiums und der damit einhergehenden monatlichen Unterstützung ging es in ihrem Leben allerdings bergab. Die Forscherin war bald von ihren Eltern abhängig, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Um die Kosten ihrer Forschung zu zahlen, arbeitete sie als Dozentin an einer privaten Universität und nahm Teilzeitjobs an Berufsschulen und Kulturzentren an. Damit sie die Universitätsbibliothek nutzen konnte, meldete sich die Frau als Studentin wieder an.

Eine befreundete Akademikerin gab ihr 2012 einen Job als Lektorin für die englische Übersetzung buddhistischer Literatur. Nishimura nahm die Aufgabe mit Begeisterung an. Auch der Verdienst von über zwei Millionen Yen (16.100 Euro) gab ihr das Gefühl, dass es wieder aufwärts geht. Allerdings dauerte auch diese Beschäftigung nur ein Jahr. In dieser Zeit schickte die Forscherin ihren Lebenslauf an zahlreiche Universitäten und suchte dort nach einer Stelle als Akademikerin.

Arbeit einer Forscherin
Bild: Ryoma Komiyama

Eine Universität bat sie, im Rahmen des Auswahlverfahrens sechs Kopien ihres literarischen Werkes einzureichen. Jede Kopie kostete sie mehrere tausend Yen. Obwohl das Geld wieder knapp wurde, machte sich Nishimura daran, die Kopien an die Universität zu schicken. Allerdings half dies nicht, sie erhielt nur Absagen ohne Erklärungen für dieselben. Die Forscherin vermutete, dass sich einige Universitäten ihre Bewerbungen nicht einmal angesehen hatten. Die Bewerbungsunterlagen kamen in einem tadellosen Zustand wieder zurück, sodass es nicht so wirkte, als hätte sie jemand wirklich in der Hand gehabt.

Die häusliche Situation wurde immer schwieriger, denn die Eltern wurden älter und eine feste Anstellung war weiterhin nicht zu finden. Nishimura kam zu dem Schluss, dass sie heiraten würde. Im Frühjahr 2014 informierte sie ihre schockierten Eltern über diesen Alternativ-Plan.

Ihr Verlobter, den sie im Internet kennengelernt hatte, war mehr als 12 Jahre älter. Was die Forscherin nicht bemerkte, war, dass auch er mit schweren persönlichen Problemen zu kämpfen hatte. Im April 2015 heiratete Nishimura und zog zu ihrem Mann. Die Ehe entwickelte sich allerdings nicht gut. Nishimura gab sich selbst die Schuld und glitt langsam in eine psychische Störung.

Im November 2015 schrieb die Frau an ihr Tagebuch, dass sie sich scheiden lassen wollte, ihr Mann diesen Wunsch aber ablehnte. Sie erkannte, dass sie von der Vorstellung eines sicheren Lebens mit ihrem Mann geblendet wurde. Die Tagebuch-Einträge zeigen die schwierige emotionale Lage der Frau zwischen Leidenschaft für die Forschung, Sehnsucht nach einem stabilen Leben mit Kindern und der Angst vor der Realität ihres Lebens.

Anfang Januar 2016 schrieb die Forscherin noch, wie sehr sie das Leben liebe. Allerdings sei es schwer freudig und lebendig zu sein. Gleichzeitig sei sie unsicher, ob sie die Mühe auf sich nehmen könnte, um dieses Ziel zu erreichen. Am zweiten Februar unterschrieb ihr Ehemann die Scheidungspapiere. In der darauffolgenden Nacht setzte Nishimura ihrem Leben ein Ende.

In ihrem Abschiedsbrief an ihre Eltern erklärte die Forscherin, sie glaube nicht mehr an die Zukunft. Nishimuras Eltern arbeiteten beide als Herausgeber und gaben ihre Liebe zu Büchern an ihre Tochter weiter. Im Alter von zwei Jahren besaß das Kind bereits 50 Bücher. Bücher und ein festes Einkommen zu haben, gehörten zu den Grundfesten der Frau.

Bibliothek einer Forscherin
Bild: Ryoma Komiyama

Die Eltern waren sehr stolz auf ihre Tochter und bereiteten sie darauf vor, in die Forschung zu gehen. Der Vater Nishimuras, 81 Jahre alt, erkannte, dass die Universitäten heute mehr Wert auf praktische Fächer als auf intellektuelle legten. Ein Umstand, den seine Tochter nicht richtig verstanden hatte.

Akademische Arbeitsplätze sind rar

In den 90er Jahren merkte Japan, dass Europa und die USA wesentlich mehr Doktoranden ausbildeten als man selbst. Vierjährige Hochschulausbildungen sollten diesen Mangel ausgleichen. Das Resultat: Es gab mehr ausgebildete Wissenschaftler, aber nicht mehr Lehrstellen. Eine schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt kristallisierte sich heraus.

Die Zahl der Absolventen lag 2007 bei 16.801 Personen, fast das Dreifache im Vergleich zum Jahr 1991, als es gerade einmal 6.201 Absolventen waren. Die Anzahl an Stellen in den verschiedenen Fakultäten stiegen im selben Zeitraum kaum. Auch lebenslange Beschäftigungsverhältnisse waren eine Ausnahme.

Die Politik wollte die Selbständigkeit der Universitäten fördern und begann 2004 damit, Subventionen zu kürzen. Die Schulen wurden von forschungsbezogenen Zuschüssen abhängig. Gleichzeitig begannen die Universitäten damit, Lehrer befristet oder nur noch in Teilzeit anzustellen.

Eine Umfrage der Gewerkschaft aus dem Jahr 2017-2018 belegt, dass die meisten Teilzeit-Dozenten weniger als 3 Millionen Yen (24.100 Euro) im Jahr für ihre Arbeit erhielten. Vollzeit-Stellen wurden nur noch zeitlich begrenzt vergeben, sodass langfristige Pläne fast unmöglich wurden.

Noch schwieriger war die Situation für Studenten künstlerischer Fächer, die in der freien Wirtschaft als nutzlos angesehen wurden. Das Bildungsministerium fand heraus, dass rund 30 Prozent der Geisteswissenschaftler überhaupt keinen Arbeitsplatz fanden.

Fast 20 Prozent der ausgebildeten Studenten verschwanden aus den Daten des Ministeriums und wurden als „Tot“ oder „Unbekannt“ geführt. Um die Chancen junger Forscher zu steigern, rief das Ministerium ein Förder-Programm ins Leben. Meistens profitierten aber Technologie-Studenten von diesem Programm.

Nishimuras Geschichte scheint in der Welt der künstlerischen Wissenschaften also keine Ausnahme dazustellen. Im September 2018 wurde ein 46-jähriger Mann nach einem Brand auf dem Campus der Kyushu Universität tot aufgefunden. Er verließ die Universität 2010 ohne Abschluss. Gemäß Angaben eines ehemaligen Professors versuchte der Student lange einen Job zu finden. Erfolglos.

Er kehrte später immer wieder in das Büro seines Lehrers zurück, um dort nachts zu recherchieren. Als der Campus umgebaut wurde, bat die Verwaltung der Universität den Mann, das Büro zu verlassen. Anfang September wurde die Leiche des Mannes in dem besagten Büro gefunden. Es sah so aus, als hätte der Mann das Feuer selbst gelegt.

Quelle: AS

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2 Kommentare

  1. Ich finde es gut, dass mit Artikeln wie diesen mehr Aufmerksamkeit auf die Missstände in der akademischen Forschung hingewiesen wird. Viele Wissenschaftler haben nur befristete Stellen und sind dabei sogar noch unterbezahlt – insbesondere in den Geisteswissenschaften! Das ganze spiegelt allerdings das größere Problem der Wissenschaft wieder, dass der Wert eines Forschungsfelds und der Forschenden selbst nur an Kennzahlen wie Quantität der Veröffentlichungen festgemacht wird und ob das Fachgebiet teil des momentanen „Hypes“ ist. Insbesondere Breitenforschung geht dadurch verloren, wodurch das System zunehmend signalisiert, dass es lieber „Fachidioten“ hätte, statt vielseitig gebildete und neugierige Menschen. Zu einer vielseitigen Gesellschaft gehören Geisteswissenschaftler ebenso wie Ingenieure. Diese Entwicklung spielt sich leider global ab und nicht nur in Japan oder deutschsprachigem Raum.

  2. danke für diesen ernsten, langen artikel.
    ich würde mich über solch ausführliche reportagen sehr freuen, auch wenn es um nicht so angenehme dinge gehen sollte.

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