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Angel Sanctuary – Von wegen, der Himmel hängt voller Geigen!

Mit Angel Sanctuary lässt nipponart einen weiteren Manga-Klassiker erneut auferstehen. Sieben Jahre nachdem Carlsen Manga! der Vorlage von Kaori Yuki ein Revival als Deluxe Edition bescherte legt der Publisher die dreiteilige OVA komplett neu auf.

Setsuna Mudo hat kein leichtes Leben, von den Rowdys seiner Klasse als Prügelknabe ausersehen, kämpft er sich durch den Alltag. Dabei kann der Jungen gut austeilen. Zumindest so lange, bis seine Schwester Sara auftaucht. Dann verschwindet seine Stärke auf wundersame Weise. Ob das damit zusammenhängt, dass er in seine eigene Schwester verliebt ist? Für Setsuna und seine Mutter ist das klar, weswegen Frau Mudo mit Sara das Land verlassen möchte. Sie muss ihre Kinder trennen, egal wie.

Die Engel und Dämonen liegen seit Jahrhunderten miteinander im Clinch. Einst stellte sich der organische Engel Alexiel auf die Seite der Dämonen und rebellierte gegen Gott. Dafür wurde ihr Körper in einen Kristall eingesperrt und ihre Seele in einem Menschen versiegelt. Die Dämonen Kurai und Arakune machen sich auf den Weg, Alexiel zu suchen und wieder zu erwecken. Da der weibliche Engel in Setsuna schläft, stehen die beiden bald bei ihm auf der Matte. Als dann Alexiels Zwillingsbruder Rosiel wieder erwacht, versinkt das sowieso schon schwierige Leben Setsunas vollständig im Chaos.

Der liebe Gott weiß, dass ich kein Engel bin

Angel Sanctuary ist keine leichte Kost, das fällt bereits am Anfang auf. Kaori Yuki bediente sich in ihrer Vorlage in der christlichen, jüdischen und kabbalistischen Religion und vermischt alles zu einem epischen Drama. In diesen kommen vor allem die menschlichen Tragödien nicht zu kurz. So entsteht eine dichte und packende Story, die im Anime wenig von ihrer Kraft und Stimmung verliert. Selbst wenn die Handlung auf das Wesentliche zusammengekürzt ist, bleibt sie weiterhin fesselnd.

Angel Sanctuary
© 2000 Kaori Yuki / Hakusensha • “Angel Sanctuary“ Committee

Inzest ist ein schwieriges Thema, mit dem der Anime sehr vorsichtig und achtsam umgeht. Setsunas innere Zerrissenheit zwischen seinen Gefühlen und dem, was die Gesellschaft als normal ansieht, lässt den Zuschauer mitleiden. Obwohl eine solche Beziehung nach erkannten Maßstäben nicht gut gehen darf, bleibt in manch einem Zuschauer der Wunsch, dass Setsuna und Sara zusammen glücklich sein können. 

Das unheilige Verhalten der Engel trägt weiter zur ernsten Grundstimmung der Geschichte bei. Von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen bis hin zu übertriebener Verehrung sind einige bedenkliche Charakterzüge bei den himmlischen Boten vertreten. Rosiel scheint eine Vielzahl dieser Störungen für sich gepachtet zu haben. Zumindest sind an dieser Front die Positionen eindeutig geklärt.

Im Anime fällt es schwer, gleich zu erkennen, wer auf welcher Seite steht. Die Engel, sonst eher die Guten, gehen zum Erreichen ihrer Ziele über Leichen. Die Dämonen, denen sonst die Rolle der Fieslinge zufällt, erscheinen konsequent. Trotzdem besitzen sie einen guten Kern. Wenn dann noch ein fast unsterbliches Wesen anfängt, menschliche Gefühle zu entwickeln, ist das emotionale Chaos perfekt und der Zuschauer gefangen.

Im Himmel ist die Hölle los!

Der Anime konzentriert sich stark auf Setsuna und die wichtigsten Figuren um ihn herum. Weil der Personenkreis klein ausfällt, bekommt jeder Charakter Zeit, sich und seine Rolle im kommenden Drama vorzustellen. Viele sind nicht das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Dies macht die sich ergebenen Konstellationen interessant. Figuren, die anfangs noch nett erscheinen, erweisen sich später als ziemlich gestört. Diejenigen, die zuerst unsympathisch rüberkommen, wachsen einem im Laufe der Zeit ans Herz.

© 2000 Kaori Yuki / Hakusensha • “Angel Sanctuary“ Committee
© 2000 Kaori Yuki / Hakusensha • “Angel Sanctuary“ Committee

Ebenso gelungen, wie das Figurenensemble präsentiert sich die grafische Umsetzung. Obwohl die drei OVA Angel Sanctuary im Jahr 2000 von Bandai Visual produziert wurden, lässt die Animation nur wenig Platz für Kritik. Die Kampfszenen wirken ein wenig ungelenk. Das ist mit Blick auf die restliche Gestaltung zu verschmerzen. Dem Studio gelang es, die sehr spezielle Stimmung der Vorlage perfekt einzufangen und auf den Anime zu übertragen. Regisseurin Kiyoko Sayama beweist viel Gespür, wenn es darum geht, die feinen Nuancen im Zusammenspiel der Charaktere stimmungsvoll rüberzubringen.

Die Verpflichtung von Hikaru Nanase für die Filmmusik erwies sich als Glücksgriff. Die Akustik unterstreicht die Situationen, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Für jede Folge gibt es ein eigenes Opening und Ending, was bei der geringen Anzahl und auf einer Disc positiv auffällt. Ebenso erfreulich gestaltet sich der Sprechercast.

2000 dachte niemand an die Masse an Anime, die aktuell jeden Monat erscheinen. Dementsprechend erwarteten die Zuschauer von den Studios weniger, weil die Vergleichsmöglichkeiten gering ausfielen. Dem Bikini Studios gelang eine ansprechende Vertonung der japanischen Originalstimmen. Vor allem Ghadah Al-Akel leistet sowohl als Engel Alexiel als auch als Transen-Dämon Arakune gute Arbeit. Sie ist in der Lage die Eigenarten beider Figuren herauszuarbeiten. Nur bei sehr genauem Hinhören fällt auf, dass sich die beiden Stimmen ähneln.

Die Leistungen der anderen Sprecher präsentieren sich ebenfalls ansprechend. Die Texte insgesamt kommen nur zu hochtrabend daher. Die deutschen Synchronstudios entwickelten sich im Laufe der Zeit weiter. Heute ist es in Ordnung, wenn die Figuren Slang oder Dialekt sprechen. Der damalige Dialogautor zog von der Wortwahl her alles zu glatt. Normalerweise pflegen Jugendliche untereinander einen etwas anderen Ton, als dies in Angel Sanctuary der Fall ist.

Das Ende vom Anfang

Wenn die Geschichte so richtig in Schwung kommt, ist beim Anime das Ende erreicht. Der Abspann der dritten OVA gewährt einen Blick, wie sich die Handlung weiter entwickelt, ohne dieses Versprechen zu halten. Der Zuschauer sitzt da und fragt sich “Äh, was jetzt? Das war´s schon?”. Die Antwort lautet  ja. Am Ende der letzten OVA stehen die Optionen “Game over” oder “To continued” zur Wahl. Bedauerlicherweise haben die Macher sich dafür entschieden, die Serie nicht weiterzuführen. Um zu erfahren, wie es weitergeht, bleibt dann nur der Griff zum Manga.

Carlsen Manga! brachte hierzulande alle zwanzig Bände der Reihe heraus. Die einfache Auflage erschien von 2001 bis 2004. 2011 legte der Verlag die komplette Serie erneut als Deluxe Edition in aufwendig gestaltetem Hardcover-Format auf.

© 2000 Kaori Yuki / Hakusensha • “Angel Sanctuary“ Committee
© 2000 Kaori Yuki / Hakusensha • “Angel Sanctuary“ Committee

Den abrupten Abbruch versüßt nipponart mit einer DVD mit Wendecover. Zusätzlich enthält das neue Release ein schön gestaltetes Poster des Liebespaares Setsuna und Sara sowie einen großen Sticker, ebenfalls mit einem Original-Artwork von Kaori Yuki.

Vom eher unbefriedigenden Ende abgesehen bietet Angel Sanctuary alles, was eine gute Geschichte ausmacht. Eine mitreißende Story, liebenswerte Charaktere und eine gehörige Portion Herzschmerz. Die grafische Umsetzung ist im Vergleich zu heutigen Serien etwas in die Jahre gekommen, braucht sich insgesamt aber nicht zu verstecken. Während alte und neue Fans von Kaori Yuki zugreifen, sind die drei Folgen allen Liebhabern von Fantasy-Dramen wärmstens ans Herz gelegt.

angel_sanctuary_dvd_cover_3d_sInfo
Angel Sanctuary
Original Name: 天使禁猟区
Transkription: Tenshi Kinryōku
Studio: Bandai Visual
Deutscher Publisher: nipponart
Regisseur: Kiyoko Sayama
Musik: Hikaru Nanase
Erscheint am: 29. Juni 2018
Synchronisation: Bikini Studio Berlin
Dialogregie: Dr. Harald Wolff
Länge: 87 Minuten
Freigegeben ab: 16 Jahren
Genre: Drama, Mystery
Sprachen: Deutsch, japanisch mit dt. Untertitel
Medium: DVD
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1 COMMENT

  1. Dankeschön! Habe diesen Artikel mit großem Interesse gelesen und musste oft zustimmend schmunzeln…
    LG Natalia

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