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Origin – Sie sind unter uns!

Im April 2015 lernten die deutschen Leser mit Sun-Ken Rock das erste Werk des Mangaka Boichi kennen, das den Weg zu uns fand. Boichis detailreicher und schonungsloser Zeichenstil hinterließ einen bleibenden Eindruck und schnell vergrößerte sich Boichis Fangemeinde. Seit September 2018 erscheint sein neues Werk Origin. Diesmal sicherte sich nicht Tokyopop die Rechte, sondern Egmont Manga.

Bis zum Jahr 2048 hat sich die Technologie extrem weiter entwickelt und Tokyo in eine hoch technisierte Metropole verwandelt, die enge wirtschaftliche Beziehungen zum Rest der Welt unterhält. Die Schere zwischen Arm und Reich driftet immer weiter auseinander, während die Grenze zwischen Mensch und Maschine verwischt. Es geht das Gerücht um, dass es Roboter gibt, die von einem Menschen nicht mehr zu unterscheiden sind.

Eine Bande Kleinkrimineller hat einen heißen Tipp auf eine seltene und extrem wertvolle Waffe erhalten und sieht sich bereits in einer Riege mit der Yakuza stehen, wenn sie nur in den Besitz des begehrten Gegenstandes kommen. Gerade hat sich mit dem stillen Gonta ein neues Mitglied zur Bande gesellt. Was die kleinen Ganoven nicht wissen: Gonta heißt eigentlich Origin und hat mit kleinen Gaunereien nichts am Hut.

Origin ist einer jener Roboter, die auf den ersten Blick wie Menschen aussehen. Er war der erste, den sein Vater erschuf. Als dieser starb, gab er Origin den Befehl, fortan ein anständiges Leben“ zu führen. Der menschliche Roboter muss allerdings bald feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Vor allem als seine Geschwister sich zusammentun, um ihn auszulöschen …

Erster Versuch oder das einzig Wahre

Origin spinnt eine Entwicklung weiter, die sich mittlerweile ankündigt. Roboter werden immer menschenähnlicher und selbst wenn Boichis Zeitrahmen ein wenig optimistisch daherkommt, lässt sich die Aktualität nicht von der Hand weisen. 2048 ist nicht mehr so weit entfernt, trotzdem erweisen sich die Veränderungen, die sich in Origin vollzogen haben, als umfassend. Maschinen wie denkende Handys oder Roboter gehören zum Leben der Menschen und wer die Macht über diese besitzt, kontrolliert die Gesellschaft.

AEE ist im Manga der größte Hersteller von Robotern, die vor allem für den militärischen Einsatz konzipiert wurden. Da Origin für sein normales Leben vor allem eines braucht, nämlich Geld, erweist es sich als logisch, dass er in dem Unternehmen anheuert, das eigentlich seinen Schöpfer auf dem Gewissen hat. An dieser Stelle funktioniert er auch wie eine Maschine, Entscheidungen werden logisch und ohne Rücksicht auf ethische oder moralische Fragen getroffen. Gleichzeitig erweist es sich als verblüffend normal, dass sich auch eine hoch entwickelte Maschine wie Origin mit solchen Alltagsproblemen wie einem leeren Bankkonto herumschlagen muss.

Schon im ersten Band Origin beweist Boichi sein Talent nicht nur für unvorhersehbare Situationen, sondern auch einen etwas schrägen Sinn für Humor. Wenig ist wie es auf den ersten Blick erscheint. Gerade die Frage, ob man eine Maschine erkennen könnte, wenn sie sich genau wie ein Mensch verhält, lässt jede Menge Raum für Interpretationen. An dieser Stelle erweist es sich als vorteilhaft, dass Origin durch die Handlung führt und seine Gedanken und Rückschlüsse mit dem Leser teilt.

Die Reihe ist mit sieben Bänden in Japan immer noch nicht abgeschlossen. In Anbetracht der Tatsache, welches Tempo die Handlung bereits im ersten Band vorlegt, bleibt es auf jeden Fall spannend, was sich der Zeichner für seine Hauptfigur alles überlegt hat. Die bisherigen Mitglieder der Origin-Familie scheinen zwar nicht an einer Zusammenführung interessiert zu sein, aber das eine oder andere schwarze nette Schaf hat der Mangaka bisher immer noch aus dem Ärmel gezogen. Für jede Menge Spannung und skurrile Situationen dürfte weiterhin gesorgt sein.

Traumtyp mit kleinen Fehlern

Während sich die Roboter in Origin äußerlich kaum von Menschen unterscheiden, sieht es innerlich doch ganz anders aus. Wie eine Maschine plant und reagiert Origin, ohne wirkliche Empathie oder eine Vorstellung von moralischen oder ethischen Bedenken. Alles wird logisch durchdacht und entsprechend seiner Programmierung durchgesetzt. In den Kämpfen wurde er zwar darauf festgelegt, menschliches Leben zu schützen. Wenn dies misslingt, macht Origin aber keinen Unterschied mehr zwischen einem Toten oder einem anderen leblosen Gegenstand.

Vor allem im Zusammenspiel mit anderen Menschen erweist sich diese Programmierung als schwierig. Dies sorgt immer wieder für viel Situationskomik, wenn der hoch entwickelte Origin an Alltäglichkeiten, wie einem Feierabendbier mit den Kollegen, fast verzweifelt. In diesen Momenten zeigt sich, dass die Roboter bei ihrer Erschaffung nur auf Kampf ausgelegt wurden. Im Gefecht nie um eine Idee verlegen, erweisen sich Origin und seine Geschwister für den Alltag nur als bedingt tauglich.

Bei seinen Figuren folgt Boichi dem Klischee vieler anderer Veröffentlichungen, indem er seine Roboter als Kampfmaschinen erscheinen lässt. Gleichzeitig lässt er Origin aber auch viel erklären. So hat er bestimmte Fähigkeiten nicht einfach, weil er nun einmal eine Maschine ist, sondern es folgt in der Regel eine Erklärung, warum er auf bestimmte Situationen entsprechend reagiert, oder vorher seine Fähigkeiten stammen. Zwar ist einiges nur durch die fortschrittliche Technik möglich, allerdings erweist sich Origin nicht als typischer Super-Roboter, der einfach nur so toll ist.

Wer Boichis Werke kennt, weiß, dass seine Figuren immer ein wenig überzogen daher kommen. Der Charme liegt allerdings auch in dieser krassen Überdarstellung, die ebenfalls zu zahlreichen Slapstick-Szenen führt. Dass nebenbei das eine oder andere Klischee bedient wird, stört nicht weiter. Der Zeichner spielt mit der krassen Mischung zwischen naiver Unschuld und knallharter Killermaschine.

Klarer, schärfer, Boichi

Boichis Origin
Bild: Boichi

Was bei Boichis Werken in Erinnerung bleibt, ist eine zeichnerische Darstellungsfähigkeit, die ihresgleichen sucht. Sowohl die Figuren als auch die Umgebung, in der sie sich bewegen, wurden bis ins Detail durchdacht und entsprechend umgesetzt. Besonders gut gelingt es dem Zeichner seine Halbmenschen darzustellen. Diese Details sorgen für einen maximalen Wiedererkennungswert.

Die Charaktere, menschlich oder auch nicht-menschlich, sind individuell und grafisch differenziert umgesetzt. Während Origin wahlweise zwischen Traumtyp und Otto-Normal-Verbraucher liegt, sind es vor allem die Nebenfiguren, die durch außergewöhnliche bis schräge Designs in Erinnerung bleiben. Bei diesen lebt der Künstler seinen Hang zum Extremen aus, sodass sie den allgemein realistischen Style ein bisschen stören. Aber genau diese Diskrepanz macht auch den Charme seiner Werke aus.

Anders als bei Tokyopop legt Egmont Manga Origin im bekannten Manga-Format vor, auch wenn eine etwas größere Veröffentlichung Boichis zeichnerischen Fähigkeiten entgegengekommen wäre. Dafür liegen die ersten vier Seiten in Farbe vor. In Anbetracht der teilweise sehr expliziten Darstellungen von Gewalt und einem umfassenden Hang zum Fanservice erweist sich die Altersempfehlung des Verlages als gute Richtlinie.

Fazit

Origin ist wie alle Werke Boichis zeichnerisch auf sehr hohem Niveau, allerdings muss man mit den teilweise sehr skurrilen Figuren und einer äußerst deutlichen Darstellungsweise klarkommen, die nicht jedem gefällt. Inhaltlich liefert die Geschichte eine Mischung aus Action und Slice of Life mit einem etwas anderen Protagonisten.

Der erste Band spricht bereits einige zentrale Fragen an, ohne eine Antwort zu geben. So bleibt abzuwarten, ob es einem Roboter wirklich gelingen kann, ein nach menschlichen Maßstäben anständiges Leben“ zu führen. Und gelten diese überhaupt für eine Maschine, die den Menschen in so ziemlich allen Belangen überlegen ist?

Origin Band 1
Bild: Boichi

Info

Name: Origin
Original Name: Origin
Transkription: オリジン
Von: Boichi
Verlag: Egmont Manga
Verfügbar: 2. November 2018
Preis: 7,50 €
Genre: Action, Mystery
Empfehlung: 16 Jahre +
ISBN: 978-3770499335

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